Brüsseler Reaktionen auf Obamas Sieg: Europäer hoffen auf Neubeginn
Das politische Brüssel hat die US-Wahlen mit Spannung verfolgt. Manche ließen den Nachtschlaf ausfallen. Erste Reaktionen vieler Europäer und Amerikaner gehen in diesselbe Richtung: Man hofft auf einen Neuanfang und verstärkte transatlantische Zusammenarbeit in Sachen Klimawandel, Finanzkrise und Sicherheitspolitik.

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, gratulierte dem neugewählten US-Präsident und lud ihn ein, bald dem Parlament seinen Besuch abzustatten. In dem Gratulationsschreiben heißt es: "Ich wünsche Ihnen Erfolg für die großen Herausforderungen, die in dieser kritischen Zeit vor Ihnen liegen".
Das Wahlergebnis habe "erneut die außergewöhnliche Fähigkeit zur Erneuerung in den Vereinigten Staaten deutlich gemacht", so Pöttering. Die Beziehungen zwischen den USA und der EU könnten nach der Wahl durch einen Neustart "auf eine stärkere und dynamischere Grundlage" gestellt werden.
Jacek Saryusz-Wolski, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, erklärte: "Die EU sieht hoffentlich einer wirklichen transatlantischen Partnerschaft entgegen. Die USA und die EU können die aktuellen globalen Herausforderungen - zum Beispiel Finanzkrise, Klimawandel, Energiesicherung oder Terrorismus - gemeinsam effektiver angehen".
Die EU zähle darauf, mit der neuen US-Regierung "größere Fortschritte in Sachen Klimawandel und Energiesicherheit machen zu können - und langfristig eine transatlantische Freihandelszone zu schaffen", so Saryusz-Wolski.
Der Vizevorsitzende des Außenausschusses, der tschechische Abgeordnete Libor Rouček (SPE) glaubt, dass Barack Obama Europa "ein besserer Partner als der bisherige Präsident sein wird. Engere Zusammenarbeit zwischen Europa und den USA ist angesichts der globalen Herausforderungen, der Finanz- und Wirtschaftskrise, des Klimawandels, der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und dem Terrorismus dringend notwendig. Die Bush-Regierung hat uns allen bewiesen, dass die USA solch komplexe Probleme nicht alleine lösen kann."
Jonathan Evans, Vorsitzender der parlamentarischen Delegation für die Beziehungen zu den USA sagte: "Man muss den amerikanischen Wählern gratulieren". Mit der großen Wahlbeteilung hätten die US-Wähler "die gesamte Welt, und ganz besonders uns in Europa, begeistert". Er unterstrich zudem, dass die Wahl Obamas eine große Chance für eine Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung der USA in Europa böte.
Graham Watson, Vorsitzender der liberalen Fraktion im Europaparlament, sieht die Hauptverantwortung Obamas darin, dem Klimawandel zu begegnen. Überdies müssten "die USA lernen, dass eine führungsstarke sanfte Macht am Ende immer über militärische Macht triumphieren wird".
Der deutsche EU-Abgeordnete und Ko-Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament Daniel Cohn- Bendit sagte: "Die Hoffnung ist da, nun muss man sehen, was daraus wird. Es ist ein großartiger Moment. Und es ist der zweite Tod von John Wayne, das Ende des Zeitalters der amerikanischen Cowboys.
Der italienische Abgeordnete Vittorio Agnoletto (Vereinigte Linke), der sowohl dem Auswärtigen Ausschuss als auch der USA-Delegation angehört, bekräftigte: "Obamas Sieg hat eine starke Symbolkraft". Die Wahl des ersten schwarzen US-Präsidenten werde Rassismus und ethnische Diskriminierung weltweit mindern. Allerdings erwartet er "keine großartigen Veränderungen in der US-Außenpolitik".
Amr Moussa, Generalsekretär der Arabischen Liga, der Mittwochvormittag im Rahmen der Arabischen Woche im Auswärtigen Ausschuss des Europaparlaments zu Gast war, sagte: "Wir alle brauchen die Veränderung, die Obama angekündigt hat". Speziell betreffe dies die arabischen Länder: "Wir brauchen eine Veränderung in der amerikanischen Wahrnehmung der arabischen Welt". Von Obama erwarte er sich in dieser Hinsicht sehr viel.
Amerikaner in Brüssel
Es war 5:00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, als CNN Barack Obama inoffiziell zum Sieger der 44. US-Präsidentschaftswahlen kürte. In Brüssel waren Hunderte von Europäern, darunter auch einige Europa-Abgeordnete, in ein Nahe dem Europaparlament gelegenes Hotel gekommen, um diesen Moment mit "roten und blauen" Auslands-Amerikanern gleichermaßen zu erleben.
Um 5:18 Uhr gestand Senator McCain seine Niederlage vor laufender Kamera ein. Das amerikanische Volk habe "deutlich gesprochen". Obama sei es gelungen, vielen Amerikaner Hoffnung zu geben und somit diese "historische Wahl" für sich zu entscheiden.
Um 6 Uhr unserer Zeit sprach dann der Gewinner, Barack Obama, zu seinen Anhängern in Chicago und dem Rest der Welt. In Brüssel waren Obamas Anhänger - nicht erst zu diesem Zeitpunkt - deutlich in der Überzahl.
Seine Rede wühlte Gefühle auf, so manche Augen füllten sich mit Tränen. "Yes we can" rief nicht nur Obama selbst, sondern auch mehrfach seine Parteigänger in der Hotel-Lobby, während sich immer wieder Fremde umarmten.
Obama erwartet stärkeres sicherheitspolitisches Engagement der Europäer
Knapp drei Stunden später sagte Kristen Silverberg, die US-Botschafterin bei der Europäischen Union, sie hoffe, "dass der Enthusiasmus beiderseits des Atlantiks" in gemeinsames Handeln und "noch engere" Zusammenarbeit etwa in Hinblick auf Afghanistan, Klimawandel, die Finanzkrise, Handelsfragen und internationale Organisationen umgewandelt werden könne.
Sowohl Silverberg als auch der amerikanische NATO-Botschafter in Brüssel Kurt Volker sprachen davon, dass der nächste US-Präsident voraussichtlich einen "größeren europäischen Beitrag in Sachen Frieden und Sicherheit", insbesondere zum Engagement in Afghanistan, erwarten werde.
Auch ein internationales Abkommen zum Klimaschutz und die Finanzkrise würden mit einem Präsidenten Obama eine wichtige Rolle in den transatlantischen Beziehungen spielen, so Silverberg.
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