Interview: "Verlasen Sie den Gewalttäter und beginnen Sie ein neues Leben"
"Stellen Sie sich vor, Sie leben jeden Augenblick in Angst vor der Person, mit der Sie eine Beziehung haben, die Sie geliebt haben, mit der Sie Kinder haben. Er ist die wichtigste Person in ihrem Leben, aber er ist Ihnen auch eine Bedrohung." Mit diesen Worten beschreibt die Vorsitzende des Frauenausschusses Eva Britt Svensson die Erfahrung von Tausenden von Frauen, die unter Gewalt leiden - und ihre ganz persönliche. Ein Gespräch über Gewalt aus Anlass des Frauentages am 8. März.

Eva-Britt Svensson
Was tut die EU und das Parlament, was haben sie bisher getan, um der Gewalt gegen Frauen ein Ende zu machen?
Ich denke: nicht genug, denn es gibt immer noch sehr viel geschlechtsspezifische Gewalt und Gewalt gegen Frauen. Aber wir haben damit begonnen# über Gewalt zu informieren und die Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken. Wir haben ein spezielles Programm - das DAPHNE-Programm.
Einige EU-Mitgliedstaaten haben sehr vorbildliche Gesetzgebung in Sachen Gewalt. Es ist jetzt an der Zeit auch auf EU-Ebene gesetzgeberisch tätig zu werden.
Wenn Sie drei Instrumente auswählen müssten, mit denen die EU den Opfern helfen würde, was würden Sie vorschlagen?
Zunächst einmal direkte Unterstützung der Opfer. Man braucht in allen EU-Ländern Gesetzgebung, die gewährleistet, dass Frauen wissen, dass es sich um ein Verbrechen handelt. Und man muss die Möglichkeit haben, Unterstützung von den Sozialbehörden, der Polizei und der Justiz zu bekommen.
Zweitens hat die spanische Ratspräsidentschaft vorgeschlagen eine einheitliche Telefonnummer einzurichten. Das ist gut, denn wenn man eine Telefonnummer im Kopf hat, die überall gleich lautet, wäre es für die Opfer einfacher Hilfe zu bekommen.
Drittens brauchen wir robuste Daten von allen Mitgliedstaaten über Gewalt: wie viele Opfer es gibt und Analysen der Ursachen.
Statistiken sagen, dass jede vierte oder fünfte Frau im Laufe ihres Lebens Opfer physischer Gewalt wird und jede zehnte erfährt sexuelle Gewalt. Sie haben auch persönliche Erfahrung mit Gewalt. Was sagen Sie vor diesem Hintergrund den Opfern?
Ich sage allen Frauen, die in einer gewalttätigen Beziehung leben: Es ist möglich, diese Beziehung zu beenden und ein neues Leben auf eigenen Füßen zu beginnen.
Ich kenne die Gefühle - man gibt sich selbst die Schuld. Er hat Kontrolle über Dich und Du hast Tag und Nacht in jedem Augenblick Angst. Stellen Sie sich vor, Sie leben jeden Augenblick in Angst vor der Person, mit der Sie eine Beziehung haben, die Sie geliebt haben, mit der Sie Kinder haben. Er ist die wichtigste Person in ihrem Leben, aber er ist Ihnen auch eine Bedrohung. Sie werden sich bewusst, dass Sie diese Situation nicht akzeptieren können, Sie können diese Beziehung beenden, den Mann verlassen und ein neues Leben aufbauen.
Steht in der unmittelbaren Zukunft EU-Gesetzgebung an, die den Opfern helfen könnte?
Ja, es gibt den Vorschlag für eine "Europäische Schutzanordnung". Ich komme zum Beispiel aus Schweden und als ich unter Gewalt litt, bin ich zur Polizei gegangen und das Ergebnis war, dass es dem Gewalttäter verboten wurde in die Nähe meiner Wohnung und meines Arbeitsplatzes zu kommen.
Ich hatte sogar einen Alarmknopf in meiner Wohnung, den ich hätte benutzen können, wenn er dennoch gekommen wäre.
Die Europäische Schutzanordnung - von den Behörden des Heimatlandes erlassen - könnte man dann im europäische Ausland der Polizei zeigen und diese müsste dann ebenfalls für Schutz sorgen. Das Recht auf Schutz würde in der ganzen EU gelten.
Facebook-Chat mit Eva Britt Svensson
Für die schwedische Europa-Abgeordnete Eva-Britt Svensson, Vorsitzende des Frauenausschusses, ist das Thema kein theoretisches, denn Sie hat selbst Gewalterfahrung gemacht und weiß aber auch, wie Frauen sich der Gewalt entziehen können. Auf der Facebook-Seite des Europa-Parlaments können Nutzer am Dienstagvormittag ab 10:30 Uhr direkt mit der Europa-Abgeordneten über dieses Thema und über die Gleichberechtigung von Frauen diskutieren. Der ursprünglich für Montag vorgesehene Chat musste aufgrund einer geänderten Tagesordnung der Plenarsitzung verschoben werden.















